Rede am 8.4. Prof.von Müller

Auf der Festveranstaltung der Sanktionierung der Gorlitia (427) in der Landskronbrauerei zu Görlitz am am Samstag, den 8. im Ostermond a.U.158 wurde als Gastredner herzlich begrüsst Herr Prof. Dr. Hinnerk von Müller von der Hochschule in Görlitz, Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Präschlaraffistik.

Prof.von Müller:

Schlaraffen hört! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es ist mir eine große Ehre, dass die fungierende Herrlichkeit mich aufgefordert hat, an diese hohe Festversammlung das Wort der Wissenschaft zu richten. Wie ich in meinem, - das darf ich in aller Bescheidenheit sagen -, Aufsehen erregenden Werk „Glanz und Elend der Präschlaraffiden“ ausgeführt habe, wurde die Forschung nach den Wurzeln des Schlaraffentums sträflich vernachlässigt. Wer von Ihnen weiß denn um die bestürzenden Vorgänge anno Uhui minus 656? Dabei dürfte allen Denkenden klar sein, dass eine hochedle Pflanze nicht plötzlich in Vollendung blüht, sondern langsam aus vielfältigen Wurzeln emporwächst. In der Kürze der Zeit kann ich natürlich nur einzelne Elemente paradigmatisch abhandeln. Zunächst wende ich mich der Bedeutung Uhus zu. Wir gehen zurück in das eben erwähnte annus Uhui minus 656, abgekürzt auch a.a.U.=annus ante Uhum, profan 1203 n. Chr..

 

Als erstes wäre da zu nennen ein Künstler, den hier alle kennen: Zierlich im Minnesänger-Kleide Herr Walther von der Vogelweide, oder, wie er besser hieße, Herr Walther von der Uhu-Wiese. (führt jeweils die Tätigkeiten aus) In jedem Schulbuch ist zu lesen, wie es tatsächlich einst gewesen: Dass er auf einem Stein gesessen und einen Apfel er gegessen,
die Beine übernander schlug,
das Kinn in eine Hand vergrub,
den Ellenbogen aufgestützt,
die Wanderschuhe durchgeschwitzt,
und tief versunken drüber grübel,
wie er mög‘ wehren seinem Übel:
Wie es wohl recht zu schaffen wäre,
bei Wahrung seiner Ritter-Ehre,
weltliches Gut sich zu gewinnen
und, nicht nur singend, froh zu minnen.
Soweit die allbekannten Fakten,
gesichert durch geprüfte Akten.
Der Forscher, in Gedanken frei,
stellt sich sofort der Fragen drei:
Wo lag der Stein, den selbstvergessen
Herr Walther dichtend hat be-sessen?
Fachleuten gilt es als bewiesen:
Der Stein lag in den Neißewiesen
dort, wo das Flüsschen Lunitz mündet
und sich die Siedlung Görlitz findet.
Dagegen ist nicht annehmbar,
dass es der Stein der Weisen war.
Der Weisen Stein kann man zwar nützen,
um kalten Hinterns drauf zu sitzen,
doch gäbe das Mephisto Recht,
der so zu spotten sich erfrecht: (Goethe, Faust II, Vers 5061 ff)
Wie sich Verdienst und Glück verketten,
das fällt den Toren niemals ein.
Wenn sie den Stein der Weisen hätten,
der Weise mangelte dem Stein.
Als zweites will der Forscher wissen,
in welchen Apfel er gebissen,
als sinnend er das Obst zerkaute
und Verse flink zusammenbraute.
Auf örtlicher Latrine Grund
gelang jetzt ein Jahrhundert-Fund:
Dass es ein, DNA-lich klar,
Görlitzer Nelkenapfel war.
Die Sorte ist, nicht unentgeltlich,
auf unserm Wochenmarkt erhältlich.
Als drittes treibt den Forscher um
das ewige Problem: Warum?
Das will hier so verstanden sein:
Warum saß Walther auf dem Stein?
Dazu der Wissenschaftler fand:
Ein Hocker war ihm nicht zur Hand.
Auch fehlt‘ noch ein Jahrtausend lang
die allpräsente DEUTSCHE BANK.
Und der Verzehr von Apfelschnitzen
erschien bequemer ihm im Sitzen.
So weit, so gut! Doch fragen wir:
Warum war Walther wirklich hier?
Weil er vernahm, dass einsam wohne
Frau Ute auf der Landeskrone,
welcher der Gatte jüngst enteilte,
auf einem Kreuzzug sich verweilte.
Jenen vermisst sie inniglich,
doch trostbedürftig-minniglich.
Herrn Walthers rege Manneskraft
hätt‘ gern ihr Linderung verschafft.
Just in diesem schicksalsschweren Augenblick zog am offenen Kemenatenfenster ein riesiger Vogel lautlosen Flügelschlags vorbei - und ließ den Schleier davonwehen. In wildem Entsetzen flüchtete der kunstsinnige Walther zu seinem Stein in den Neißewiesen.
Meine Damen und Herren, das in der Literaturgeschichte als „Walthers Wende“ bekannte Ereignis hat einen Kulturschock ausgelöst, der sich tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben hat. Ich erinnere nur an den Beginn der zweiten Strophe des Kinderliedes von Hänsel und Gretel. (UHU, da schaut eine alte Hexe raus)
Der Wissenschaftler muss allerdings kritisch anmerken, dass in etlichen Märchen nicht nur Unsinn, sondern geradezu Blödsinn verbreitet wird. Illustrationen zum Märchen vom Froschkönig zeigen die zarte Prinzessin beim Spiel mit einem goldenen Ball von mindestens Pampelmusengröße. Um auch nur einen Golfball aus Gold so anmutig-spielerisch zu bewegen, müsste das Königstöchterlein mindestens die Statur eines Ringers aufweisen.
Springen wir jetzt ins a.a.U. 449, vulgo 1410! Hier in Görlitz, dem Haupt des Sechsstädtebundes, herrscht Festtagsstimmung. Gut 80 Jahre ist es her, dass die Stadt den Besitzern, die vom Raubrittertum nicht lassen wollten, die Landeskrone abgekauft und deren Burg dem Erdboden gleich gemacht hat. Frau Klothilde von Landskron, die etwas angejahrte Erbin eines immer noch beträchtlichen Landbesitzes, ist Görlitzer Bürgerin. Sie plant ihre Vermählung. Zwei Ritter, Herr Klingsor von Klitten und Herr Ludolf von Ludwigsdorf, Überlebende der Schlacht bei Tannenberg, haben sich beworben. Ein Zweikampf soll die Entscheidung bringen, bei dem Ratsherren das Schiedsgericht bilden . Mit dem selten gezeigten Schreittanz der Schöppen auf dem Untermarkt wird das Fest eröffnet.
Dieser im Volksmund auch „Görlitzer Armleuchter“ genannte Tanz wird vom Publikum mit ergriffenem Schweigen bestaunt.
Dann aber entlädt sich die erwartungsvolle Hochstimmung des Volkes in einem fröhlichen Lied. Der Bürgermeister winkt dem Heer-Rufer, auf dass das Duell beginne.
Ein Wortduell bringt keine Entscheidung, so dass der Heer-Rufer mahnt:
Der Worte sind genug gewechselt.
So lasst uns endlich Taten sehn!
Da meldet sich der Bürgermeister:
Haltet ein!
Das golden-warme Herz der Braut
begehrt des Blutes Zeugnis nicht.
Drum soll schon itzund sich entscheiden,
wer des Turnieres Sieger ist.
Das Urteil der sechs Schöppen lautet 3 : 3.
Da ruft Klothilde:
„Zwei Sieger sind so gut wie keiner.
Mit Reden rührte mich nicht einer
der rüden, ruhmred’-sücht’gen Ritter.
Nein, meine Lieb‘ gewann ein dritter.“
Und wirft sich dem Heer-Rufer in die Arme.
Alles applaudiert, die beiden Kämpen ziehen trübselig von dannen.
Machen wir nun einen weiteren Zeitensprung:
Wie tief bewegt ist doch ein Lehrer,
bemerkt er in der Horde derer,
die, Steiße trommelnd, er traktiert,
damit er sie zum Wissen führt,
ein Wesen, das, ihm artverwandt,
brillant an Geist, Witz und Verstand,
leicht überwindend jede Hürde
der Wissenschaft zur Zierde würde!
Gern würd‘ er fördern, hegen, pflegen.
Doch oftmals schallt ihm harsch entgegen:
Schluss jetzt mit Lernen, Studium gar!
Ich werde lieber Fußballstar!
Wie mancher, der dafür geboren,
ging so der Wissenschaft verloren.
Bevor es weiland lobesam
allüberall in Schwange kam,
Luft, eng gefasst in Leder-Nähten,
ins gegnerische Tor zu treten,
war Billard ein beliebter Spaß,
der hohes Anseh’n auch genas.
Ein junger Mensch an Deutschlands Grenzen
gedacht‘, als Billard-Star zu glänzen,
Reichtum und Ruhm rasch zu erwerben
für sich und seine Leibeserben.
Jedoch gelang es nicht so recht.
Er spielte einfach viel zu schlecht.
Herhalten musste zum Ergetzen
die Zweitbegabung: Töne setzen
und selber auch zu produziern.
So musst‘ er sich alimentieren.
Der junge Mann, - Wolf Mozart hieß er -,
war recht ein Lebenslust-Geniesser.
Im Herbst a.a.U. 72
per Kutsche pragwärts er begibt sich,
zu schenken dieser Stadt die Ehre
der Don-Giovanni-Premiere.
Dort hatte man zu Nutz und Frommen
längst die Gewohnheit angenommen`,
bei Krankheit und Besetzungs-Sorgen
in Görlitz Musiker zu borgen.
In Görlitz nun ernährte sich,
im Ganzen eher kümmerlich,
der einzige und wirklich große,
echte Triangel-Virtuose,
Nachfahr‘ des Reformators Luther
und auch als Kneipenwirt ein guter,
der seinen Gastraum grad geschickt
mit neuem Billard-Tisch bestückt.
Weil seine Kunst, Gott sei’s geklagt,
leider nur selten war gefragt,
- auch Mozart hatte bis zuletzt
den Triangel niemals besetzt - ,
ließ Luther gerne sich verführen,
als Reisemarschall zu fungieren.
Als solcher saß während der Probe
er einsam in der Chor-Garderobe.
Und während draußen die Kollegen
ernst Zunge, Arm und Lunge regen,
so, wie der Komponist sie zwinge,
dass die Premiere auch gelinge,
musst‘ er vom Kummer ab sich lenken,
in böhmisch Bier ihn still ertränken.
So fand ihn, - grad‘ mit einem Fluche
nach Leporello auf der Suche -,
der Inspizient und rief: „Nanu!
Um Himmels willen, wer bist Du?“
Zu schwer musst‘ es dem Armen fallen,
den Namen „Luther“ ganz zu lallen.
„Lu-Lu“sprach er, mehr konnt er nicht.
Dann sank er lautlos aufs Gesicht.
Kollegen sich nicht nehmen ließen,
sich fortan mit „Lu-Lu“ zu grüssen.
Herr Mozart konnt‘ nicht widerstehen,
heimlich nach Görlitz mitzugehen,
auf dass, verlockt vom Vorschuss-Lobe,
er’s neue Billard selbst erprobe.
Doch bald stand er, zu seinem Leide,
tief bei Herrn Luther in der Kreide.
Wütend, denn zahlen konnt‘ er nicht,
schrieb er, nach einem Schmäh-Gedicht
auf Görlitzer Polit-Gerangel,
ein Solo-Rondo für Triangel.
Dies wird, von Luther prompt versoffen,
nicht bei Herrn Köchel angetroffen.
Und während Mozart schrieb und reimte,
Luther geschickt zusammenleimte
das Mozart-Queue, das der bekümmert
und zornig hatte selbst zertrümmert.
Aus gelber Packung, schwarz bedruckt,
zähflüss’ger Seim ward ausgedruckt,
glasklar und aromat’schen Dufts.
„Jetzt ist es fest!“ Herr Luther ruft’s.
Und Mozart sah dem Treiben zu
und kommentiert‘: „Aha, UHU!“
Dann wurd‘ bis in der Nächte Mitten
um Ehe und EHÉ gestritten.
Am Tisch wurd‘ das Gezänke kleinlich.
Erst unterm Tisch war man sich einig.
Präschlaraffistenzeit
machte den Weg bereit,
legte die Wurzel zum
Schlaraffentum.
AHA, EHE, UHU
und LULU noch dazu
liegen schon in der Luft
wie Morgenduft.
Görlitz das Mistbeet ist,
aus dem die Blüte sprießt.
Hier keimt der Same auf
zum Siegeslauf.
Die lang in Wehen lag,
bringt strahlend es zu Tag:
Denn endlich ist sie da:
Schlaraffia!